Kategorie - Wettbewerbe  
  >> Spheres, Wettbewerb Gedenkstätte Lager Viehofen, NÖ
    Jahr:2009
Wvznr: 648
Wettbewerbsprojekt, offener internationaler Wettbewerb Gedenkstätten Viehofen, St.Pölten, NÖ
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> Spheres Mappe
(Datei: 36.zip - [Inhalt: WettbewerbViehofen1.pdf] / Größe 3624 kb)
Präambel
Die Natur ist im wahrsten Sinn gegenwärtig und in ihrer Entwicklung auf Leben aus.
Wenn nun die Toten verdrängt, die Orte der Tortur und Willkür ihrer Peiniger geflutet, verschüttet und zum Verschwinden gebracht werden, dann liegt es am menschlichen Verhalten, das das kollektive Vergessen in der Gesellschaft etabliert. Dieser Geist ist Hypernatur, denn er kennt auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies ist sein Überlebensmittel und gleichzeitig auch hybride Strategie der Herrschaft über Leben und Tod.
Die Idylle ist immer janusköpfig, sie darf es auch sein; aber das Vorenthalten von Geschichte lässt die aufgeklärte Entwicklung der nächsten Generationen verkümmern. Es geht nicht nur darum Erinnerung wachzurufen - denn die haben nur noch wenige Überlebende aus persönlicher Erfahrung - es geht darum Orte zu markieren, an denen die dunkle Seite der menschlichen Natur sichtbar wird und damit als Aggregat der Selbstreflexion daran erinnert, wer wir selbst sind, und zu welchen Taten wir fähig sind, wenn wir unreflektiert uns ethisch von den menschlichen Tugenden verabschieden, wodurch und durch wen auch immer.
Das Verschwinden von historisch brisanten Orten bewirkt kollektives Vergessen. Dies ist nichts Neues; wie schnell es auch in jüngster Geschichte gehen kann, zeigen die versunkenen Viehofner Lager. 60 Jahre nach der Auflösung der Lager sind sie völlig vergessen.

SPHERES
Dieses Projekt soll die verschwundenen Orte sichtbar werden lassen, widmet sich der kollektiven Wahrnehmung (und damit dem kollektiven Vergessen) und muss Fragen provozieren die Antworten in der Gegenwart suchen.
Die Grundfrage zu dem Verschwinden kann man beantworten, indem man die topografische Lage markiert. Diese „Landmarken“ müssen im Kontrast zur Umgebung stehen - also Fremdkörper sein, um befragt werden zu können.
Die Zeichen und deren Bedeutung als zusammengehörende Elemente, erschließen sich durch Wieder-Erkennbarkeit der markierten Orte. (Lager 1, Lager 2, Friedhof).
Die geschichtliche Bedeutung der einzelnen Standorte wird durch Tafeln im Umkreis mit Zitaten von Zeitzeugen und Fakten ergänzt. Die inhaltliche Bedeutung der Markierungsobjekte erschließt sich vor Ort in der Imagination des Geschehens vor einer völlig veränderten Kulisse. Hier wird klar, dass der Ort, an dem etwas kollektiv Vergessenes stattgefunden hat, erst durch die präzise Markierung des Ortes seine Brisanz zurück erhält - um damit im besten Sinn Denk-Mal zu werden.

Lager Viehofner See: >SPHERE 1<
Unmittelbar neben dem heutigen Badesteg lag das Lager der jüdischen Zwangsarbeiter. Augenzeugen berichten, dass kurz vor der Befreiung im Umkreis der Baracken in Gruben mehrere Leichen gelegen sind, Geschwächte die von der SS vor deren Flucht erschossen worden waren. Diese Menschen haben keine Gräber am Friedhof - deren Gebeine sind vermutlich im Zuge des späteren Schotterabbaus verloren gegangen. An dieser Stelle ist das Wasser ca. 4 m tief.
Über dem versunkenen Ort der großen Baracke (Lagerführer/Bunker) schwimmt, verankert mit einer Kette am Grund des Sees, eine große Kugel (ca Ø 3,5m) aus Edelstahl - wie eine Boje in den See gesetzt. Die Oberfläche ist rau geschliffen, nur 2 Zahlen sind herauspoliert: 1944, 1945. Es scheint, als wäre die, bis zu einem Drittel noch unter Wasser liegende Boje, erst am Auftauchen.

Arbeitslager Glanzstoff: >SPHERE 2<
Heute ist das Areal private Liegenschaft der Ecoplus und ist als Gewerbegebiet gewidmet. Allerdings hat das Land Niederösterreich Anteile. Dieser Hinweis ist deshalb wichtig, weil die Markierung dieses Standortes mit den Eigentümern zu verhandeln ist. Da das Areal noch verwuchertes Brachland ist, kommt heute nur ein Standort am Grundstücksrand infrage; das Objekt >Sphere 2< kann aber später an einen Ort am Lagerareal versetzt werden, sollten positive Verhandlungen darüber geführt werden können. Als „Zwischenlösung“ schlage ich das Überschwemmungsgebiet unmittelbar hinter dem Schutzdamm (gegenüber der Fußgängerbrücke), das unmittelbar an das Lagerareal anschließt, vor. Hier ist viel Fußgänger- und Radverkehr, und der Ort liegt an der Wegverbindung zum Viehofner See und der >Sphere 1<.
An dieser Stelle ragt eine Kugelkalotte (ca Ø 2,8 m) bis zur Hälfte aus dem Boden; Edelstahl, Oberflächen rau wie Sphere 1, Jahreszahlen 1943, 1945 herauspoliert.

Friedhof: >3 SPHERES<
Hier ragen 3 Kugelkalotten unterschiedlich weit aus dem Boden, sodass die dynamische Wahrnehmung eines Hervorbrechens sichtbar wird. Diese 3 Kalotten sind mit allen Informationen zu den Ereignissen und den Namen der Toten beschriftet. Ihre Oberflächen entsprechen >Sphere 1+2<, die Schriften sind gefräst.





 
 
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