Kategorie - Theorie/Text aktiv  
  >> VOR ORT, Txt D
    Jahr:1997
Wvznr: T56
Text aus dem Buch, Vor Ort, öffentliche Kunst, Tomas Hoke + Ulli Sturm, 1997, Ritterverlag
Ich bin Produzierender ? also ist meine Aufgabe über das Herstellen zu schreiben.
Zunächst bin ich Ausnahme und nicht Regel: Ich bewege mich im öffentlichen Raum auf mehreren Gleisen. Als Wettbewerbsteilnehmer und Auftragsnehmer für Kunst im öffentlichen Raum, als Organisator von Projekten, die die Randzonen künstlerischer Produktion und Öffentlichkeit bearbeiten, und als Aufzeichner, wie mit diesem vorliegenden Buch zum Beispiel. Gestaltungswillen als Lust heißt das. Einmischen auch.
1. Wer sich in den öffentlichen Raum wagt, ist selber schuld.
2. Er wird leiden an der Unmittelbarkeit der Reaktion.
3. Er wird zweifeln.
Menschenfreund kann er bleiben.? oder er wird sich selbst zum Feind. Öffentlichkeit ist gefährlich.
Praxis
Wenn man an eine Sache herantritt, die zunächst die Hoffnung auf Form in sich trägt, sucht man sich im Vorstellungsraum einen Platz mit Übersicht. Von mir aus eine Werkstatt mit den Werkzeugen meiner Profession. Das ist der potentielle Produktionsraum, meine Wirklichkeit, die man mit innerer Heimat im ästhetischen Rahmen bezeichnen kann. Hier soll werden, was noch nicht ist. Anschaulich und überprüfbar. Da dieser Raum die zentrale Rolle spielt, ist er die Schnittstelle vom Außen zum Innen und vom Innen zum Außen ? hier ist nichts Inszenierung, alles hat seinen Platz. Werkstatt als Maschine der Umsetzung.
Für mich ist das kein »Labor«, hier wird nicht experimentiert. Hier wird Aufmerksamkeit generiert. Hier soll zusammenfinden was nach Strukturierung ruft. Alles was hineingetragen wird ist vorbereitet.
vor Ort
Es gibt einen konkreten Ort. Der Ort ist definiert und die Parameter geklärt. Es geht nun um Synchronisation. Das Einschleifen des Gestaltwillens mit dem Ziel einer Orientierung. Was braucht ein Ort aus meinem Repertoire der Annäherungen? Welcher Gestus kann als Aggregat der Bildwirklichkeit bestehen?
Platzergreifung
Es wird mein Ort sein. Ich veröffentliche mich an einem Ort außerhalb der geschützten Werkstätte, des Museums, der Galerie. Ich hoffe die Halbwertszeit meines Tuns wird länger sein als ich lebe.? glückhaft wäre ein Wertzuwachs. Stellvertretend für meine Abwesenheit erzeugt ein Aggregat meiner Phantasie Resonanzräume in der unüberblickbaren Öffentlichkeit.


Baustellen 1
Kunst mit neuerrichteten Bauwerken in Verbindung zu bringen, ist die derzeit gängigste Praxis, wie der überwiegende Teil der Projekte dieses Bandes zeigt. Diese Form der Baustellen wird sich immer ändern, sowohl von ihren Inhalten, wie auch von den Repräsentationsfunktionen her. Sie sind befestigte Zeitzeugen einer gesellschaftlichen Entwicklung. Hier ist die Kunst noch vielfach Vehikel und Appendix einer Bautätigkeit der öffentlichen Hand.
Baustellen 2
Künstler emanzipieren sich und suchen von sich aus Baustellen. Es gehört zum künstlerischen Selbstverständnis alle Faktoren der Realisierung selbst in die Hand zu nehmen. Das Eingreifen in den öffentlichen Raum wird nur dann künstlerische Qualität haben, wenn der Druck vom Künstler selbst ausgeht. Der Typus Künstler des öffentlichen Raumes gleicht dem eines Unternehmers, der offensiv agiert.
Der Künstlertypus dieser Baustelle ist gut organisiert, kann verhandeln, ist hartnäckig im Durchsetzen seines eigenen künstlerischen Anspruches, besteht auf Autonomie des Eingriffes. Er setzt seine Kunst als öffentliches Geisteswerkzeug ein und arbeitet strategisch.
Baustellen 3
Nichts ist von Dauer. Projekte leben als Erinnerung. Temporäre Ereignisse bestimmen die Arbeitsweise. Darstellende Künste, wie Performances etc. werden eingebunden und in einem größeren Rahmen zusammengefasst, um der künstlerischen Interaktivität ein weiteres Territorium zu eröffnen. Hier ist auch der Werkstattcharakter ein wesentlicher Faktor: Experimente sind besonderer Bestandteil des Selbstverständnisses, vor allem im Überschreiten der gegenseitigen Grenzen der Professionen.
Baustellen 4
Hier gibt es »den öffentlichen Raum« nicht physisch. Lebensgewohnheiten der passiven Kontaktaufnahme haben den Raum umgestülpt. Aus dem voyeuristischen Blickwinkel der Straße ist längst die Achse Fauteuil ? Bildschirm geworden. Da diese Achse mittlerweile fortgesetzt wird ? mit Hilfe der Computernetworks ? kommt eine weitere Dimension dazu: Interaktivität. Sender ? Empfänger / anonyme Sender ? anonyme Empfänger. Das heißt, der Ausbruch aus dem Wohnzimmer ist ein virtueller und damit ein in seiner Dimension viel weiter gefasster Zugriff auf den öffentlichen Raum. Dieser virtuelle öffentliche Raum ist ein Hybrid: Einerseits als Bildmedium der Realen Welt andrerseits konstruiertes Medium der bildfreien Kommunikation.
Im virtuellen Raum sind aufgrund des technischen Equipments die Zugänge nur auf Eigeninitiative möglich: Kommunikation kann ein-, bzw. ausgeschaltet werden. Derzeit ist das Netz hauptsächlich Spielwiese für Amateure, es wird jedoch durch das Vernetzen über die Kabelkanäle der TV Anbieter bereits zum Objekt künstlerischer Begierden. Andrerseits ist es ein Medium der Anfrage.
Baustellen 5
Der soziale Raum. Kunst als Heilung gesellschaftlicher Zustände. Künstler gehen so nahe an den Menschen heran, daß ein Kunstbegriff der im objekthaften Gestalten sein Auslangen findet, nicht mehr gilt. Das Nutzen alltäglich im Gebrauch stehender Medien und Strukturen verbindet diese Baustelle mit Baustelle 4: Kunst als Anfrage gesellschaftlicher Zustände (Interaktion im Alltäglichen, Befriedigung von Bedürfnissen, Club Culture). Das Verständnis heißt: Kunstraum ist Sozialraum ist Gesellschaftsbaustelle. Der Eingriff heißt sozial-kulturelles Engagement ? Kunst agiert in Zwischenbereichen.
Zu Baustellen 1
Baustellen haben ein ungeheures Flair: es wächst etwas aus dem Boden nach einer geheimen Ordnung. Architekten sind die Geheimnisträger. Die wollen nichts abgeben von ihrem Wissen, und fast nie teilen sie ihr Wissen mit Künstlern, auch nicht ihr Vorhaben. Seit ich in diese Sache am Bau verwickelt bin (auch schon 17 Jahre), höre ich die immer gleiche (nie gelöste) Formel: Künstler sollen möglichst früh in den Prozeß eingebunden werden.
Heute sage ich: Unsinn!
Eine sinnvolle Zusammenarbeit kann nur unter Gleichgesinnten zustande kommen: Gemeinsames Ziel ist der zu entwicklende Raum. Es geht hier nicht um das landläufig bekannte »Gestalten«, sondern um das Herausfiltern von Zugängen, die, je nach Standpunkt der Partner, eine spannende Zusammenarbeit sein können.
In weiterer Konsequenz aus der üblichen Erfahrung heißt das: Künstler, nehmt euch euren eigenen Architekten und lasst euch nicht nehmen!
Für den öffentlichen Raum heißt das aber auch: Das Umfeld ist zweitrangig, es soll der eigene Standpunkt hervortreten, auch im Gegensatz zu dem, was an Anschmiegsamkeit gefordert ist. Die »site specifity« (Schlagwort für »funktionierende Kunst«? alias angepasstes Schuhwerk) ist längst überholt. Das hat auf dieser Baustelle sehr selten etwas Brauchbares hervorgebracht: als kleinmütigster gemeinsamer Nenner von Bauherren und Planern praktiziert ? hat nichts mit Kunst zu tun. Die Latte liegt so tief, daß man darüber stolpert.
Zu Baustellen 2
Hier spielen temporäre Arbeiten eine zentrale Rolle. Internationales Beispiel: Christo und Jean Claude, die eine Weltumspannende Organisation für ihre Umsetzungen beanspruchen. Anhand dieses Beispieles läßt sich klar ein pragmatisches Vernetzen von örtlichen Infrastrukturen erkennen. Alle Produktionsfaktoren werden unter der künstlerischen Oberleitung koordiniert, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Die Genauigkeit der Abläufe (sowohl in der Planung wie auch in der Durchführung) sind Eigenschaften guter Unternehmer. Das Aufbereiten der örtlichen Voraussetzungen sind immer auch Teil des künstlerische Umsetzprozesses.
Historisch sind Solitäre wie Walter Pichler, der seine persönlichen Obsession im privaten Rahmen umsetzt, und damit die öffentliche Strahlkraft eines Eremiten erreicht, oder Cornelius Kolig, der sein Paradies mit ähnlicher Zurückgezogenheit errichtet (als Lebenskunstwerk), wenn er auch sonst Aufträge der öffentlichen Hand realisiert. Die neuere Entwicklung der Kuratorenmodelle hat aus dem Vermittlungcharakter eine neuen Organisationsform generiert: Organisationsbüros übernehmen die Umsetzungsarbeit künstlerischer Projekte, entweder als Angebot oder als Partner von Veranstaltern. Der Künstler bedient sich koordinatorischer Strukturen und ist damit auch eingebunden in das Netz der Baustelle 4, Kunst auf Anfrage. ,artbase´ in Wiener Neustadt ist so eine Drehscheibe.
Zu Baustellen 3
Mit der INTART 1990/92 haben HP Maya und ich versucht Künstler aus ihrer Profession zu locken und sie ermuntert in die Spielräume anderer einzugreifen, bzw. durch das Anbieten von Schauplätzen an Orten der gesellschaftlichen Peripherie Obsessionen zu überprüfen. Im Laufe der 17 Projekte wuchs ein eingeschworener Troß von Leuten, die an den, zum Teil mühsamen und teilweise auch gefährlichen, immer auch lustvollen Veranstaltungen teilnahmen. Das Projekt selbst zog sich über zwei Jahre und ist im Buch »Rettung der Welt«, Ritterverlag 1992, dokumentiert. Diese Form der Erkundung innerer und äußerer Peripherien setzten wir 1992/94 mit dem Projekt »Alpen«, verstärkt durch Manfred Moser, als Weiterentwicklung und Neudefinition, auch was die Begrenzung der Selbstausbeutung der Organisatoren betrifft, fort. Nachzulesen in »Alpen«, Sonderzahlverlag 1994.
Temporär eingesetzte Kunst vor Ort wird auch an Plätzen, die als Kommunikationsmodule fungieren, (Beispiel Supermärkte, Bahnhöfe, etc) plaziert.? also auch an Orten mit erhöhter Alltagsdichte ? neuralgische Knoten und Gelenke einer Topografie.
Das. Universitätskulturzentrum UNIKUM arbeitet seit einigen Jahren an der Erprobung brisanter und vergessener Orte mittels künstlerisch-wissenschaftlicher Aktivitäten. Interkulturellität ist dabei durchgehendes Element.
Zu Baustellen 4
Die Netzwerke als Künstler zu nutzen hat mehr mit Informationsfluß zu tun, denn mit Gestaltung. Die Datenbanken sind Medien der Ausweitung und der Integration. Schaltstellen für diese Datenbanken sind: basis wien, Depot Wien, Verlag Kunstverkehr. Hier können Infrastruktur und Archiv freizugänglich genutzt werden, sowie Daten ins Netz gestellt werden.
Zu Baustellen 5
Der sinnliche Reiz weicht der sozialen Agitation.
Die sinnliche Erfahrung über den Weg der traditionellen Künste wird ersetzt durch pragmatischen Zugriff; zum Beispiel werden Zustände sozialer Randgruppen als Arbeitsfeld erkannt: Dort wo das soziale Netz zu grobmaschig ausgefallen ist wird feiner gesponnen ? es wird aktiv eingegriffen: Das Organisieren von ärztlicher Versorgung Unterstandsloser ? siehe »WochenKlausuren«. Diese Aktivitäten erreichen durch Veröffentlichung über das »Kulturnetzwerk« eine völlig andere Sensibilisierung der Öffentlichkeit, als mit den traditionellen Hilfswerkzeugen.

Resümee
Der Diskurs über den Öffentlichen Raum ist in jüngster Zeit.überraschend breit angelaufen. Jahrelang war das ungeliebte Stiefkind der Kunstpraxis etwas, was man besser nicht ansprach, wollte man als ernsthafter Künstler im Kunstbetrieb gelten. Langsam aber dämmert es selbst den bes





 
 
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