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  >> Vortrag Linz 13.12.2000, Kunst Universität
    Jahr:2000
Wvznr: T55
Bewerbungsvortrag für die Proffessur Metalln (Nachfolge von Helmuth Gsöllpointner)
Tomas Hoke
Zum Aufbau meines Referates möchte ich folgendes vorausschicken:

Meine Arbeitsfelder bewegen sich vom körpernahen Objekt bis hin zum öffentlichen Raum.
Alle Felder dazwischen sind in permanenter Interaktion, daß heißt, Überschneidungen sind oft Knotenpunkte.
Anhand einiger solcher Knotenpunkte werde ich versuchen mein System zu beschreiben.
Kuratorische und dokumentarische Arbeit ist selbstverständlicher Bestandteil meiner erweiterten Arbeitsfelder, denn es genügt längst nicht mehr sich Veröffentlichungsstrategien zu unterwerfen, die man als unzulänglich erfährt und es damit bewenden läßt.
Kunst wird in der Gesellschaft nur dann Relevanz haben, wenn sie als integraler Bestandteil erfahrbar wird.
Der Diskurs wird global und vorort geführt, verlangt daher nach Kompetenz.
Daraus folgt, daß interdisziplinäre Strategien eine völlig neue Arbeitsweise erfordern.
Der öffentliche Raum wurde nicht zuletzt aus diesem Grund in den letzten 10 Jahren zu einem zentralen Thema.
Früher war die Aufteilung der Kompetenzen festgefügt: Kunst konnte im öffentlichen Raum hauptsächlich in Verbindung mit Bauprojekten stattfinden.
Natürlich ist das heute auf weiten Strecken noch immer so, nur hat sich parallel dazu ein breiter Diskurs entwickelt, der interdisziplinäre Arbeitsweisen forciert
Für die drei Länder Biennale IntArt habe ich zum Beispiel eine neue Arbeitweise erprobt:
Ein Repräsentationsmodell wurde zu einem Produktionskonzept umgebaut. Darauf werde ich später noch eingehen.

Alles ist mit allem verwandt.

Meine Arbeit zielt immer auf Realisation.
Für mich ist die Vorbereitungsphase zu einer Arbeit oder einem Projekt erst abgeschlossen, wenn sich die größte Dichte an Zugängen gebildet hat.
Die Realisierungsphase hat den kürzesten Anteil am Gesamtzeitvolumen.

Die Arbeiten aus meiner Werkstatt sind immer auch ?Gerätschaften?: ?Werkzeuge? für bestimmte Projekte. Daher sind auch die Medien vielfältig.
Materialien haben in ihrem Gebrauch Halbwertszeiten, müssen dem Projekt solange dienen, bis sie meine Aufmerksamkeit verlieren.
Die Werkstatt ist der Ort der Realisation ? das Labor ist einen Stock darüber ? die Baustelle ist die Gesellschaft.
Ich beginne mit einer Arbeit, die ich 1989 als Aktion unter Ausschluß der Öffentlichkeit zur Aufführung brachte.
Das Datum liegt ziemlich genau in der Mitte meiner bisherigen Arbeit, und war ein Projekt zur Erforschung und Erprobung von Vorbereitungsphasen.
Ein wichtiges Thema für mich, da mir bewußt wurde, daß sich Entwicklungen von Erscheinungsformen wie verschiedene Aggregatzustände von Stoffen verhalten.
Kalk
Kalk ist der Grundstoff.
Abgesehen von der Fülle der Kalkgesteinsformen ist sein Gebrauch weltumspannend und otsspezifisch.
Mich interessieren hier aber die verschiedenen Aggregatzustände: Vom gebrochenen, zum gebrannten Kalkstein ? vom Löschvorgang bis zum Endlager, wo er nach einem sehr langen chemischen Prozeß wieder zum ursprünglichen Kalkstein wird.
Der künstlerische Prozeß wird in diesem Fall ein Vorgang zur Anreicherung des Materials.
Bild Anlage
Die Anlage besteht aus zwei Wasserspeichern auf einer Holzkonstruktion, einem kreuzförmigen Reaktor und einer Wanne für das Endlager.
Der Werkzeugcharakter dieser Anlage ist auch Grundlage und wesentlicher Ansatz für den größten Teil meiner Arbeiten .
Bild außen / /
Bild Reaktor
Ich nutze die Eigenschaft des gebrannten Kalksteins stark mit Wasser zu reagieren.
Der Reaktor wird auf der Ost-westachse mit gebranntem Kalkstein, auf der Nord-südachse mit Eisbrocken befüllt.
Wasser wird von den Speichern in den Reaktor geleitet. Wärme entwickelt sich, das Eis schmilzt ? der Prozeß wird durch die Zuflußmenge Wasser kontrolliert.
Nach heftigen Zerfallsprozessen wird in die flüssige Masse von den 4 Seiten, Blut, Milch Essig und Salz eingerührt bis die Masse homogen wird, und der Reaktor zur Ruhe kommt.
Doppelbild Anlage
Die Ventile des Reaktors werden geöffnet und die Masse wird in einen Schacht geleitet um dort für die nächsten Jahrhunderte wieder zu Stein zu werden.
Schwarzbild
Die verwendeten Materialien, haben einerseits örtliche und geschichtliche Bezüge, andrerseits ist die sinnliche Komponente der Aktion nicht zu unterschätzen: Erstens dauert die gesamte Aktion 4 Stunden, zweitens sind die Gerüche, (besonders nach dem Zusetzen der organischen Materialien), im wahrsten Sinne atemberaubend.
Die theoretischen Zugänge zum Entwicklungsbegriff ?Formfindung? hat sich daraufhin nachhaltig in meinem weiteren Werk verankert.
Bild Kalkgebirge
Dieses Kalkgebirge war Teil einer Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt im gleichen Jahr wie die Kalkwerksaktion.
Ein Gebirgszug aus gebranntem Kalk wird mittels Wasserinfusionen zum Wachsen gebracht.
Das Gebirge war am Ende der Ausstellung doppelt so hoch.
Am Körper
In den 10 Jahren vor dem Kalkwerk habe ich mich mit Schmuckarbeiten, aber auch mit einigen Kunst am Bau Projekten beschäftigt.
Schmuck als Kunst am Körper.
Für mich ist die Körpernähe der Schmuckarbeiten der Ansatz um Interaktion zu beschreiben.
Bild Halsstück
Thema Verletzlichkeit:
Eine meiner ersten Arbeiten 1982 mit filigranen Konstruktionen und hautähnlichen Papierbespannungen: diese Arbeit ist der Luftröhre zugeordnet.
Bild Pulsstück
Pulsstück:1983 Eine Weitere Arbeit zum Thema Verletzlichkeit und Abwehr suizidaler Gedanken.
Bild Bruststück mit Bienenwachs
Hier ist die Körperwärme Ausgangspunkt: Kupferrohre als Wärmeleiter erwärmen die mit Bienenwachs gefüllten Behälter und bringen das Wachs zum duften.
Bienenwachs verwende ich, auch für größere Objekte, immer wieder.
Räume Objekte
Die Arbeit mit dem Körper und dessen Wahrnehmung wird auch in den Raumbereich ausgedehnt.
Für ein Filmprojekt habe ich 1994, im Zuge des ?Alpenprojektes?, von dem später noch die Rede sein wird, für eine Sequenz zum Thema Narziß und Echo zwei Spiegelräume gebaut.
Heute dienen sie mir als Ausstellungsobjekte.
Bild Augarten NH.La.
Hier wird wieder der Werkzeugcharakter deutlich, der sich auch in den Ausstellungen fortsetzt, da die Besucher in Interaktion treten können.
Der Betrachter wird Teil der Arbeit.
Beide Objekte sind nach innen verspiegelt: Hochglanzpolierte Bleche sind zu Räumen zusammengebaut.
Bild Narc Headroom
?Narc Headroom?, dessen Titel auf Narkose und Narziß verweist, ist eine 4-Konchenanlage, die der Betrachter nicht betreten kann.
Der Raum innen suggeriert unendliche Weiten, die sich nur beim Blick über die Oberkante eröffnen.
Bild N.H. Innen //
Bild Labyrinth
Das ?Labyrinth? ist im Gegensatz zum ?Narc Headroom? betretbar: 3 Eingänge, unendlich viele gespiegelte Durchgänge, alles in langsamer Rotation.
Ein Phänomen mache ich mir hier zunutze: Steht man genau im Mittelpunkt der Anlage, sieht man sich selbst nicht mehr ? im Zentrum löst man sich gänzlich auf.
Bild Labyrinth Detail
Hier sieht man gut das ?virtuelle? Labyrinth, in das man selbst nicht eintreten kann.
Schwarzbild
Der Werkzeugcharakter meiner Arbeit findet naturgemäß auch den Weg in die Architektur.
Abgesehen von Kunst und Bau Projekten, auf die ich später kommen werde, schließe ich jetzt mit 2 Architekturarbeiten im Innenraum an, weil beim ersten Projekt ein Zusammenhang zu meiner Schmuckarbeit besteht und beim zweiten ist der Zusammenhang der kunstrelevante Ort, an dem Austausch stattfindet.
Räume Architektur
Ende der 80er Jahre war die Zusammenarbeit bildender Künstler und Architekten selten, Kunst am Bau Projekte waren fast immer aufgesetzte und nachträglich applizierte Arbeiten, die sich meistens gegenseitig störten.
Integrales Arbeiten war und ist nur mit Gleichgesinnten möglich ? gemeinsame Wettbewerbe haben aber aufgrund der legistischen Voraussetzungen kaum Chancen, wenn es darum geht Kunst und Architektur von Beginn an zusammenzuschalten. Das ist nach wie vor normale Wettbewerbspraxis.
Bis auf wenige Ausnahmen bilden sich erst heute vor allem junge Architekturgruppen, die im Kollektiv verschiedener Disziplinen arbeiten, und von vornherein Gesamtkonzepte entwickeln. Das wird auch, aufgrund des theoretischen Zuwachses, die nächsten Jahre eine der Hauptaufgaben der Forschung sein.
Die Professionen werden miteinander ausgetauscht, das gemeinsame Entwickeln von Raum wird ein überaus spannendes Unterfangen.
Die Kunst wird wesentlich in diese Felder, konstruktiv und visionär, eingebunden sein.
Bild Galerie Slavik außen
Der Schmuckgalerie Slavik in Wien ist eine Arbeit, die ich mit meinem Bruder Edmund, der Architekt ist, 1989 gemeinsam entwickelt habe.
Das Gesamtkonzept war von Anfang an die Folge einer dialogischen Arbeitsweise.
Der Raum sollte so flexibel wie möglich gestaltet sein und die Mobilität der Einrichtung sollte auch in der Konstruktion ablesbar sein sein.
Bild Innenraum 1
Die Inneneinrichtung hängt verschiebbar an Schienen. Die Hauptschiene ist ein doppelter I-Träger, der vom Außenraum bis in den hintersten Raum ragt.
Die Glasvitrinen können in die hinteren Räume wie in einen Bahnhof verschoben werden.
Bild Vitrinen
An den Seitenwänden wurden weiße Eternitpaneele montiert, die Heizung und die Technik liegt dahinter, in die obere Schiene sind die fahrbaren Elemente eingehängt. Ein Stromabnahmesystem sorgt für die Innenbeleuchtung der Vitrinen.
Bild Cik Foyer
Das winzige Künstlerhauscafe Klagenfurt war lange Zeit geschlossen. Ursprünglich war es ein hauseigener Kommunikationsort und hatte daher schon Vergangenheit. Es wurde ein neuer Pächter gefunden, der zusätzliche Kulturaktivitäten ins Haus brachte.
Das Cafe wurde um das Foyer und einem Hinterzimmer erweitert. Ich entwickelte ich eine flexible Raumnutzung für das Foyer und die ehemalige Garderobe, da verschiedenste Veranstaltungen,wie Eröffnungen, Lesungen, Konzerte, Videoprojektionen u.s.w, schnelle Verwandlungen des Raumes notwendig machten.
Die Garderobe wurde eine Art Hinterzimmer, wobei die Trennwand wegklappbar den Raum wieder freigibt. Die fahrbare Theke kann durch eine Tür direkt in die Thekenzeile des kleinen Caferaumes zurückgeschoben werden.
Bild Cafe
Zwischen dem Foyer und dem alten Cafe gibt es einen Niveausprung von 65 cm. Da ich die Räume aber funktionell aneinander koppeln mußte, zudem der technische Teil des Cafes im alten Teil war, zog ich ein Podest bis zur Mitte des Raumes vor, und band es mit einer Glastreppe an das niedrigere Niveau.
Bild Glastreppe
Dieses Podest ist wie ein Möbelstück über den Parkettboden geschoben.
Bild Alter Teil (Gegenschuß)
Schwarzer Gummiboden, Baueternit, satiniertes Glas, die Konstruktionselemente Edelstahl.
Im unteren Teil des Cafes sind teilweise noch die alten Möbel integriert, da diese Möbel eine besondere Geschichte für den Kunstverein in sich tragen.
Alle anderen Möbel sind Edelstahl und Baueternit, die Sessel aus Buche stapelbar wie die Tische auch.
Bild Hinterzimmer
Die ehemalige schwarzgekachelte Garderobe fungiert nun als Hinterzimmer des Cafes. Durch die wegklappbare Trennwand wird dieses Hinterzimmer schnell wieder Bestandteil des Foyers.
Bild Vogelperspektive
Das Cafe hat seit nunmehr eineinhalb Jahren enormen Zulauf, die verschiedenen Räume haben sich in jeder Hinsicht bewährt.
Auch hat sich hier der Werkzeugcharakter meiner Arbeit bewährt, es gelang einen Raum so zu strukturieren, daß der Gebrauch des Ortes als Austauschzelle funktioniert.
Bild Kunst und Bau
Vorausschicken möchte ich zu diesem Thema: Kunst am Bau ist seit 1981 Teil meiner Arbeit. Ich habe seither über 20 Projekte und eine weit größere Anzahl an Wettbewerben zu diesem Arbeitsfeld gemacht.
Meine Herangehensweise entwickelt sich immer am spezifischen Ort.
Oft bot die Architektur nicht viele Ansätze, und so mußte ich schon bald die funktionellen Zusammenhänge und den soziologischen Hintergrund erforschen.
Daraus habe ich für den spezifischen Ort einen Begriff entwickelt: ?Resonanzraum?.
Es ist längst selbstverständlich geworden, daß der kontextuelle Zusammenhang hergestellt werden muß. Darüber hinaus gibt es in der Praxis jedoch eine Unzahl an weiteren Parametern, die der Begriff Kontext allein nicht mehr abdeckt.
Der physische Raum hat in seiner Metaform Schwingungscharakter und ständig wechselnde Aggregatzustände, da er belebt und gleichzeitig auch erlebt wird.
Dieser Unschärfe der ständigen Veränderung ist ein Rahmen vorgeschaltet, der sich ständig füllt und entlehrt. Dynamische Prozesse bestimmen das Bild.
?Resonanz? betrifft auch den Zustand der Aufmerksamkeit des Gestaltens.
Zusammenarbeitsmodelle werden interdiziplinär betrieben, der Gestaltungsprozeß wird durch Zugänge aus den verschiedensten Sparten ständig erweitert. Es wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein, dieses Feld zu kultivieren.
Bild Gurk
1988: Projekt Gurk Dom, Hauptportal
Gurk ist ein kunsthistorisch bedeutsamer Ort.
Der gewaltige Dom liegt weit abseits in einem Tal in Kärnten, war jedoch seit dem Mittelalter Bischofssitz.
Das Einzigartige an diesem Bauwerk ist, daß es alle Jahrhunderte hindurch ablesbare kunsthistorisch wertvolle Bauabschnitte hinterließ: Es wurde immer hinzugefügt was zeitgenössische Qualität hatte. Alles noch da.
Die Halle, die dem Romanisches Portal vorgelagert ist, wurde in der Gotik fassadenbündig zugemauert. Das Tor ist extrem dem Wetter ausgesetzt, und wurde daher oft ersetzt. Ich sollte nun eine haltbarere Variante entwickeln.
Im Zuge meiner Recherchen stieß ich auf ein proportionales Mißverhältnis: Das derzeitige Höhenmaß entsprach außen nicht dem gotischen Kanon. Ich schlug vor, den Vorplatz auf sein ursprüngliches Maß abzugraben, konnte aber das Denkmalamt nicht überzeugen.
Bild Tor offen
Um die fehlende Höhe auszugleichen, entschied ich mich für eine optische Verlängerung, indem ich das Maßwerk aufnahm und als Edelstahlprofile nach unten weiterzog.
Bild Nahe
Zwischen die Profile sind unbehandelte Bronzebleche eingespannt.
Bronze reagiert auf Berührung mit den Händen besonders stark ? die Oxidation zeigt hier schön die Spuren von Berührungen.
Bild Schnitt
Im Schnitt durch eine Torhälfte sieht man die Mechanik im Birnenholzkern der 4-blättrigen Konstruktion. Man sieht auch die eingespannten Bronzebleche und den Aufbau der Profile.
Kleine Anmerkung: Alle Teile einschließlich dem Schloß, kommen aus meiner Werkstatt.
Bild Innen
Vorhalle Innen
Heute ist das Portal ? nach anfänglichen Kontroversen ? einfach ein weiteres Stück im Gesamtbild des Domes aus dem 20 Jahrhundert geworden.
Bild Voest
?3 Tore?, Voest Linz, 1997 Grobblechhallen.
Diese Arbeit kommt meinem Resonanzbegriff relativ nahe: Parallel zur stirnseitigen Fassade der Hallen wurden aus dem Produktionsmaterial, nämlich Edelstahlplattierte Stahlplatten, drei Formen gebaut: Die Maße der Platten sind die Produktionsmaße.
Die Platzierung schafft für den Vorplatz eine Schnittstelle, die sowohl räumlich als auch als Logo funktioniert.
Bild Ansicht frontal
Das Plattenmaß ist 9 mal 2 Meter, die Plattenstärke ist 23 Millimeter.
Bild Schrägansicht//
Bild BRG Feldkirchen
Meine letzte Arbeit aus dem heurigen Jahr zum Thema Kunst und Bau.
Hier als Logo für ein Gymnasium, das durch Anbau zu einem REALgymnasium wurde. Ich verwendete Neon ? zu- und wegschaltbar.
Bild nahe
Edelstahlbuchstaben, Neoninstallation auf Eternitfassade.
In der Nacht erscheint nur noch der Begriff REAL als Leuchtschrift.
Bild Nachtaufnahme
Bild Im öffentlichen Raum
Der Begriff ?Resonanzraum? kommt hier am deutlichsten zum Tragen.
Ich definiere die Arbeit im öffentlichen Raum, wie ich schon eingangs erwähnt habe, natürlich nicht nur mit architektur-gestalterischen Eingriffen ? für mich gehört meine kuratorische Arbeit genauso dazu, wie auch die dokumentarische.
Die Eroberung von Außenräumen hat heute eine nahezu unüberschaubare Anzahl an Interventionen hervorgebracht. Die klassischen Formen sind genauso vertreten, wie die Einbeziehung der neuen Medien, der virtuelle Raum, der keine Peripherie mehr kennt.
Der Umgang mit temporären Interventionen wird immer auch einen Gegenpol zum befestigten, oder brisanten Ort sein.
Zu diesem Thema komme ich noch später.
Bild NIKE
Ich zeige nun zunächst eine Arbeit, die ich für die Kunsthallenausstellung :Engel:Engel gebaut habe, und die themen- und raumbezogen als Zeichen fungiert.
Die Konstruktion leitet sich aus der Skulptur Nike von Samothrake ab.
Die aggressive Vorneigung verschärft die Dynamik. Hier steht sie in der Verlängerung des Übergangstunnels zur Kunsthalle zwischen den Wienzeilen. Durch diese strenge Positionierung ist sie örtlich der Kunsthalle zuzuordnen. Sie ist 7,5 Meter hoch und 6 Tonnen schwer.
Sie wird den Ort gleichzeitig mit dem Abriß der Kunsthalle verlassen.
Bild Lusto circle
Diese Arbeit ist Teil des von mir initiierten Twilight-Projektes, eine internationale Ausstellungsserie mit Ortsbezug. Ich werde später darauf zurückkommen.
Hier sind wir in Finnland, Punkharju an der Ostgrenze der Seenplatte. Das moderne Holzmuseum ?Lusto Forest Museum? war Gastgeber für unser Twilightprojekt.
Der Rundbau des Museums, seine Funktion und die Affinität der Finnen zu ihren Wäldern, waren Grundlagen zu meinem Beitrag.
Ich plante einen Kreis im nahegelegenen See aus schwimmenden Holzstämmen, im Durchmesser des Gebäudes.
Im Zuge meiner Recherchen fand ich im Archiv des Museums Bilder von verschiedensten Holzflößtechniken, die bis zur Mitte des 20 Jahrhundert Praxis waren.
Heute wird nicht mehr geflößt. Diesen Aspekt habe ich dann in meine Arbeit aufgenommen und den Kreis geöffnet.
Bild historische Aufnahme
Diese Aufnahme aus 1942 zeigt die Verwandtschaft zu meiner Arbeit.
Bild Schwimmkörper als Herde
Bayern, Neustadt an der Donau.
Vor 3 Jahren hauptbetroffenes Gebiet einer Hochwasserkatastrophe. Dammbruch.
Unter dem Titel ?Donauart?, wurde heuer ein Projekt, an dem 12 Künstlerinnen und Künstler teilnahmen, realisiert.
Ich ging in die Donau, um die enorme Kräfte das Wassers zu nutzen.
Bild Schwimmkörper nahe
Die aufgepumpten Schläuche bewegten sich ungestüm wie eine Herde von Seehunden, und verwandelten den Strom durch lautes Rauschen in einen reißenden Gebirgsbach.
Bild Vogelperspektive
Einen Monat nach der Eröffnung kam aber wieder ein Hochwasser und schwemmte nahezu alle Installationen weg.

Bild Projekte
Ich habe bereits angedeutet, daß der öffentliche Raum weiter gefaßt werden muß. Er endet nicht an den Stadtgrenzen ? das Einbeziehen der Peripherien war zu Beginn der Neunziger Jahre bei uns gerade neu in der Auseinandersetzung.
Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist die Frage nach der Peripherie völlig anders zu stellen: Die Randzonen der Gesellschaft sind nicht mehr klar verortet ? durch die virtuelle Vernetzung wird die Peripherie als Ort aufgelöst.
Bild INTART
Die Intart ist eine 3 Länderbiennale zwischen Slowenien, Friaul und Kärnten. Sie wurde Ende der 60er Jahre von den 3 Kunstvereinen aus den Regionen gegründet. Sie war eine Leistungsschau der bildenden Kunst mit Ausflügen in andere Sparten. Die im Rotationsbetrieb kuratierten Ausstellungen verloren zunehmend an Attraktivität.
Es gab zwischen den Künstlern kaum Austausch.
Ende der Achtziger Jahre, als ich mit Heinz Peter Maya, ein Kollege aus Villach, die Biennale INTART übernahm, waren mehrere Parameter einer Kunstpräsentation im Sinne von Völkerverständigung obsolet geworden.
Ich hatte durch meine vorangegangene Kalkwerkaktion einen völlig neuen Zugang zur Produktionsmaterie.
In der Folge entwickelte ich ein Szenario simulierter Produktionsstätten:
Orte mit Brisanz haben Aggregatzustände, die in der Gesellschaft wirken. Sei es durch geschichtliche Ereignisse, oder durch besondere geografische Lage, durch betörende Schönheit oder private Erinnerungen. Die Liste ließ sich endlos fortsetzen.
Diese Vorstellung war der Beginn des Projektes: ?Rettung der Welt?.
Zunächst postulierten wir die Umstellung von einem Repräsentationsmodell in ein Produktionskonzept, luden aus den Regionen Künstler und Wissenschafter zu einer 3 tägigen Klausur ein, um Themen und Orte für die Produktion auszutauschen.
Am Ende hatten wir das Generalthema und 7 Baustellen als Ausgangspunkt. Diese sollten sich füllen, je nachdem konkrete Vorschläge und Personen aufzufinden waren, bzw. auftauchten. Es gab keine Beschränkungen der Disziplinen und der Nationalitäten.
Das Überprüfen eigener Obsessionen, das Erforschen innerer und äußerer Peripherien war naturgemäß Grundlage der aufkeimenden Ideen.
Es war ein dezentrales öffentliches Projekt, daher waren die Medien das Transportmittel.
Nachdem ich das Projekt als ein allumfassend öffentliches verstanden habe, wurde auch alles veröffentlicht ? Aufrufe, Statements, Fragebögen, Stand der Dinge, Termine. Niemand sollte sich ausgeschlossen fühlen, jeder konnte Teil des Projektes werden.
Das war natürlich ein unglaublicher Vorgang: Es war zunächst kein einziges konkretes Projekt am Tisch, der Rahmen aber gebaut und in der Öffentlichkeit bekannt.
In der Folge ging das Schneeballsystem auf: Brisante Orte bekamen ihr Projekt, daraus entwickelte sich das Nächste und so fort.
Alle Baustellen waren voll im Betrieb, Züge mit Wortmüll wurde durch die 3 Länder geschickt, Höhlen akustisch ausgedeutet, Partisanenwege aktualisiert, Erdheilungen betrieben und so weiter.
Die Grenzen von Produktion und Rezeption waren flüssig geworden und hoben sich manchmal gänzlich auf.
Ursprünglich war ich der Meinung, daß es einer Dokumentationsform als Buch gar nicht bedürfte, da die INTART aus meiner Perspektive bereits als Biennale aufgelöst war:
Es war geplant, in permanenter Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, mit kürzesten Vorlaufzeiten, Projekte so aktuell wie möglich zu produzieren.
Es wurde später dann doch ein Buch gemacht. 345 Seiten zur Rettung der Welt.
Der Jugoslawienkrieg brachte Ernüchterung, unsere Partner waren uns abhanden gekommen.
Meine gesellschaftspolitische Frage; ?Ist es möglich, mit den Mitteln der Kunst einen Gegenpol zur Politik zu bilden??, wurde drastisch beantwortet.
Vorläufig, sage ich heute. Diese Produktionsform hat Zukunft.
Bild Alpen
1993 übernahmen wir das Österreichprojekt ALPEN, ein Kuratorenprojekt des Bundes unter der Schirmherrschaft von Cathrin Pichler, das als Folgeprojekt mehr in die Tiefe als in die Breite gehen sollte.
Drei Kuratoren für 9 Projekte. Manfred Moser, Professor an der Universität Klagenfurt kam nun als Partner ins Team. Wissenschaftliche Genauigkeit und präzise Planung war für das Alpenprojekt Vorgabe.
Im Gegensatz zur INTART, sollte es nun kein Entwicklungsprojekt mehr werden, sondern ein themenzentriertes Produktionsprojekt.
Überschneidungen der verschiedenen Projekte waren nicht mehr zufällig, sondern präzise geplant.
Es wurde klar definiert für welche Phasen der Vorbereitung das Alpenprojekt verantwortlich ist.
Das Alpenprojekt verstand sich nicht als Management bis zur Finalisierung, sondern als Vorfeldorganisationsform. Für die endgültige Produktion waren immer die Autoren der jeweiligen Projekte selbst zuständig.
Manfred Moser und ich arbeiteten das Material für die Dokumentation auf:
Das Buch zum Projekt Alpen.
Es beinhaltet ausführliche Beschreibungen zum Wesen der Projektarbeit, listet 9 Projekte auf, und leuchtet schließlich den Hintergrund kuratorischer Tätigkeit als Gruppe aus.
Bild Twilight
Meine Vorstellung von Produktion hat sich im Laufe der Zeit immer wieder erweitert, durch den Gebrauch neuer Technologien ist der Real Live Charakter zum Teil durch Simulation ergänzt worden. Der Austausch findet nun über weite Distanzen statt.
Das Projekt Twilight entwickelte ich mit 3 befreundeten Künstlern aus Deutschland, Finnland und den USA, als internationale Ausstellungsserie.
Jeder aus der Gruppe kuratiert jeweils in seinem Land eine Ausstellung mit Ortsbezug.
Da die jeweiligen Kuratoren in 4 verschiedenen Ländern arbeiten, und Künstler aus 9 Ländern beteiligt sind, werden die Vorbereitungsphasen über das Netz betrieben. Die Produktionszeit wird, trotz großer Distanzen, verkürzt. Es ist noch kein Internetprojekt, das nur virtuell existiert, dennoch hat sich der Umgang mit dem Medium als alltägliches Werkzeug bewährt.
Der Medienkünstler Sreco Dragan aus Ljubljana hat als Teilnehmer der ersten Ausstellung eine, über das Internet zu steuernde, Kamera installiert gehabt.
Sein ?Cyborgeye?, das darauf verwies, daß selbst in Ausstellungen die physische Präsenz des Betrachters zu hinterfragen ist.
Bild Orpheus
Ich habe hier versucht einen Überblick über meine Arbeitsfelder zu geben. Vieles war in den letzten Jahren im öffentlichen Raum passiert.
Das Offenhalten von Spielräumen, die Konzentration auf Ausstellungsprojekte, die Werkstattarbeit, das Verfolgen des Diskurses ? das alles in Balance zu halten bestimmt meinen Alltag.
Bild neonwisch
Ich danke für die Aufmerksamkeit.






 
 
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