Kategorie - Skulptur  
  >> Einhorn mittlere Größe
    Jahr:1997
Wvznr: 407
Stahl, Edelstahl, Aluminium, Bronze, windbewegt, Höhe 2,5 m Breite 70 cm, Länge 2 m
Modell 2 für das Einhorn in Eberndorf (siehe WV 437).
Wettbewerb Kreisverkehr Eberndorf 1995

AUSSTELLUNG
Die Arbeit war Teil der Ausstellung ...Alles jagd!, Landesausstellung 1997 Ferlach, Kärnten

Text für die Dokumentation Landesausstellung Objekt: "Einhorn"

Das Einhorn ist mein Wappentier

Nach der Domestizierung der Wildtiere sind die feinsinnigsten Jagdmethoden jenseits der Nahrungsbedarfsdeckung längst in mythische Kategorien abgedriftet. Eine hartnäckige Geschichte seit Urzeiten zieht sich durch Kulturen und Zeiten wie ein roter Faden: Das Tier gezähmt durch eine Jungfrau. Müßig zu erwähnen was hier an Übergangsritualen vom Matriarchat zum Patriarchat ein- und umgebaut wurden. Die katholische Kirche schwankte lange Zeit zwischen heidnischer Überlieferung (und damit Verbot) und Ummünzen zu eigenen Zwecken (Königstier = Christus, Jungfrau = Maria).
Das Einhorn, aus dessen Stirn der Phallus des Geistes erwächst, ist nach historischen und psychoanalytischen Erkenntnissen ein brauchbares Instrument zur Erforschung der eigenen tierisch - geistigen Dualität geworden. Reinheitsgebote und Erhöhung der Jungfräulichkeit als Domestizierungssymbol sind jedoch patriarchalischen Strukturen zu verdanken. Die überlieferten Bildwelten zum Einhorn wandeln sich vom Ungeheuer mit Elefantenfüßen, Pferderumpf, Hirschkopf, Schweineschwanz zur Leichtigkeit eines Lichtwesens mit schillerndem Leib und metallisch glänzendem Horn. Für Jäger ein gefährliches Objekt der Begierde, nur mit List und einer reinen Jungfrau zu fangen. Ohne diese Strategie bringt die Verletzung oder Tötung des fabelhaften Tieres Unglück über die Jäger und deren Stämme. Nur in der Vor-Comicsphase des Geschichtenerzählens darf das tapfere Schneiderlein einen Baum zu Hilfe nehmen um auf diesen Umweg eine Königstochter zu ergattern. Das war keine List, sondern Ignoranz der erhabenen Geschichte gegenüber ? Kasperl schlägt Krokodil, also eine Groteske des Umgangs mit dem tierischen Selbst. Für Politik ist das Einhorn einfach nicht zu gebrauchen, soviel steht fest. Als Machtsymbol ist allerdings das Einhorn in der Heraldik stark vertreten. Es steht auch für Heilkraft (und dies durchaus in doppelter Bedeutung: christliche Heilslehre und Überlieferung der Heilmittel die aus dem Horn gewonnen werden können).

Die zeitgenössische künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tier, insbesondere mit einem Fabeltier, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Künstler bewegen sich in der Gesellschaft doch wie schillernde Paradiesvögel, oder etwa nicht? Ist die Jagd nach Ruhm über den Weg der Kunst nicht jene feinsinnigste aller Jagden, die der menschliche Geist zu bieten hat? Spielen nicht etwa Trophäen eine gewichtige Rolle im Output eines Kunstproduzenten?
Unbezähmbar, einzelgängerisch und unbestechlich (Ausnahme: siehe Einhorn ? mit Jungfrau), so soll es sein, das Künstlertier, dem gegenüber ist die Jagdgesellschaft eine verschworene, geistlose und dumpfe Stammtischrunde. So wird ein Bild zum Klischee, und das Einhorn verdrückt sich in die Tiefen der Wälder (auf eine Wiese wird es nie steigen, wie uns die Überlieferung lehrt!). Auf keiner Lichtung wird es je wieder auftauchen, auf keinem Gletscher wird es Reinhold Messner treffen. Es verschwindet von der Bildfläche und aus diesem Grund bekommt es ein Denkmal. Als Trojanisches Pferd getarnt erscheint es unvermittelt in einer Ausstellung jagdmäßiger Gerätschaften und Trophäensammlungen.

Tomas Hoke, 1997




 
 
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