Kategorie - Multimediale Wandarbeiten  
  >> Paradise Lost
    Jahr:1994
Wvznr: 381
Tryptichon, Holz, Stahl, Bienenwachs, Grafit, hochpolierter Edelstahl 260 x 206 x 5cm
Manfred Moser in "Daseinssperre / Leere Masse":

Das Paradies war in Urzeiten verloren. Deshalb war man besonders neugierig darauf, den Verlust abzuschätzen, ihn endlich zu wägen, zu sehen, zu hören und zu schmecken: Paradise Lost, 206 Zentimeter hoch, 260 breit, 5 tief.
Du machst eine Konstruktion.
Und wirst überrascht.
Durch Poesie, hier ist die Stelle.
Ein Triptychon.
Zum Auf- und Zuklappen?
Zu schwer.
Die Platte links, hochpolierter Edelstahl auf Holz im Stahlrahmen, spiegelte vor sich hin. Man konnte ihr einen Ausdruck verleihen, indem man sich als Person darin betrachtete, den Sitz der Gesichtszüge und Garderobe korrigierte, an den Haaren fummelte und überhaupt den Eindruck, den man machte, verbesserte. Aber das half dem Kunstwerk nicht aus seiner Verlegenheit. Ihm war anzusehen, daß es auch nicht wußte, welchen Sinn Arbeit haben sollte. Arbeit geschah, damit die Menschen ihren Platz in der Welt fänden, mehr oder weniger. Ansonsten ließ sie sich mit gar keiner Theorie verbinden, darum spiegelte der linke Flügel so matt.
Es trifft sich etwas.
In der Erinnerung.
Im Vergessen.
Der rechte Flügel, offenbar das Pendant zum linken, fügte dem schwachen Ausdruck und dem blassen Gedanken die nötige Ergänzung zu. Eine Ergänzung ist nötig, sofern sie das Bestehende umkehrt und an ihm etwas aufdeckt, was die Bildoberfläche nicht zeigt, die Rückseite einer Wahrheit. Dergleichen kam hier zum Vorschein, Graphitstaub, gemischt mit Leinöl, Kreide und einer Art von Hasenleim, verrammelt und verspannt durch Maschendraht, wie man ihn für Taubenschläge und ähnliche Gefängnisse braucht. Es beantwortete nicht die Frage, welchen Sinn Arbeit hätte, doch erklärte es zumindest einige Umstände. Der Schweiß, der Schmutz, das Fluchen und Ächzen, die Liebesmüh, das war im linken Spiegel längst abgesoffen.
Hier ist die Stelle, wo sich etwas trifft.
In der Mitte.
Die Mitte ist nie feststellbar.
Offen, völlig offen.
Kippt unentwegt.
Sonntagsstaat und Arbeiterstaat, die Feiertage und Werktage trafen sich in der breiten Mitte. Die Platte enthielt eine Menge Bienenwachs, armiert durch denselben Maschendraht wie rechts. Die Analogie zum Bienenwabenmuster mochte sich während der Ausführung zufällig ergeben haben, dennoch lag ihr ein identischer Satz zugrunde: Göttern, Menschen, Tieren geht es dreckig. Die Bienen, zum Beispiel, produzieren und konstruieren, was das Zeug hält, und man kann ihnen gewiß nicht Ränkespiele, Faulheiten oder Murksereien vorwerfen. Und was ist das Ergebnis? Vanitas! Von einem befreundeten Imker hatte sich der Künstler ein paar Kübel Müll und Produktionsreste aus einem Stock besorgt, um sie gleichmäßig auf seine Platte zu verteilen. Die Platte wurde brüchig und hätte sich ohne Armierung sofort aufgelöst, denn der Saft, gesundes Propolis, rann aus den Ritzen, und tote Bienen krochen aus dem Matsch.
Ein Sauhaufen, wenn man bedenkt.
Bedenke, was in dem Sauhaufen geleistet wurde.
Erhabenste Poesie.
Das Handwerkliche trifft sich in der Mitte.
Die Passagiere bewunderten die Blutstropfen und Tränen, die aus dem Heiligenbild quollen (jetzt weinte die Madonna wieder), und bereiteten sich vor aufs letzte Gefecht.




 
 
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